Im Leipziger Osten1, aber auch in der Stadt Leipzig allgemein, sind aktuell enorme Zuzüge zu verzeichnen.2 Lange Zeit galt vor allem das über die Stadt hinaus reichende negative Image der Stadtteile um die Eisenbahnstraße als Entwicklungshindernis. Der Leipziger Osten bzw. die Eisenbahnstraße war und ist zum Symbol für Unsicherheit und Kriminalität avanciert.

Die neuerlichen Entwicklungen müssen auch vor dem Hintergrund von Stadtentwicklungspolitik betrachtet werden. Öffentliche Mittel aus diversen Förderprogrammen sind an Akteure sowie in Infrastruktur im Leipziger Osten geflossen (vgl. Kramer und Voigt 2013: 37), um das in vielerlei Hinsicht als benachteiligt (sozial, wirtschaftlich, städtebaulich) geltende Viertel aufzuwerten.

Der Anteil an Migrant*innen lag mit 32,2% für Neustadt-Neuschönefeld und 32,5% für Volkmarsdorf im Jahr 2013 ca. dreimal höher als der gesamtstädtische Durchschnitt von 10%3. Der Anteil an Menschen, die Leistungen nach SGB II beziehen, in Neustadt-Neuschönefeld 32,2% und in Volkmarsdorf 42,8%, ist im gleichen Jahr ebenfalls deutlich höher als der gesamtstädtische Durchschnitt von 16,7%4. Die Ortsteile zählten 2013 zu den drei Ortsteilen mit dem höchsten Anteil an Migrant*innen und Leistungsbezieher*innen nach SGB II. Im Leipziger Osten leben folglich vergleichsweise viele Menschen, die als teils in mehrfacher Weise marginalisiert gelten können.

Die stetigen Zuzüge lassen befürchten, dass die bereits leicht steigenden Mieten (vgl. Stadt Leipzig 2014b: 10) weiter steigen und dadurch Teile der aktuellen Wohnbevölkerung verdrängt werden. Der Stadtsoziologe Andrej Holm bezeichnet diesen Prozess als „politisch initiierte Gentrification“ (Holm 2010: 5). Verdrängung ist dabei keine unerwünschte Randerscheinung sondern Mittel zum Zweck.

Die Debatte um die Gefährlichkeit des Viertels entzündete sich häufig an Einschätzungen zur offenen Drogenszene im Leipziger Osten bzw. speziell der Eisenbahnstraße. Erst Ende 2015 berichtete FOCUS ONLINE unter der Überschrift „Wo das Verbrechen wohnt: Die Eisenbahnstraße in Leipzig: Die kriminellsten 1,5 Kilometer Deutschlands“ (FOCUS ONLINE 2015) im Zuge von zwei Razzien der Leipziger Polizei über die Eisenbahnstraße. Einen Bericht zum gleichen Thema überschrieb die Leipziger Volkszeitung (LVZ) wie folgt: „Polizei räumt im Drogenkiez auf“ (Döring 2015). Ein Fernsehbeitrag vom Sender Pro7 entdeckte in der Eisenbahnstraße 2013 die „schlimmste Straße Deutschlands“ (taff 2013). Dies sind drei Beispiele medialer Inszenierung, in der Gefährlichkeit und Kriminalität verräumlicht werden.

Bereits seit den Jahren 2008 und 2009 lässt sich eine Intensivierung des Einsatzes raumstrategischer Kriminalpolitiken im Leipziger Osten und damit auch des staatlichen Zugriffs auf die Menschen im Stadtteil beobachten (siehe Anhang 1).

Dazu zählen u.a. die Etablierung des Aktionsbündnis Sicherheit im Leipziger Osten als Form des community policings, die Einrichtung von polizeilichen Kontrollbereichen und die Kameraüberwachung im Kreuzungsbereich Hermann-Liebmann-/Eisenbahnstraße.

Die dem Etikettierungsansatz verpflichtete radical criminology verschiebt das Forschungsinteresse vom kriminellen Täter, auf die Institutionen der sozialen Kontrolle und Prozesse der Kriminalisierung. Daran knüpft die kritische Kriminalgeographie an und ermöglicht so eine Kritik an verräumlichenden Erklärungsmodellen für Kriminalität, welche helfen einen spezifischen staatlichen Zugriff auf Bevölkerung – in einem Raumausschnitt oder an konkreten Orten – zu legitimieren.

1Hier verstanden als das Gebiet der beiden Leipziger Ortsteile Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf.

2Wanderungssaldo 2013:Vokmarsdorf +582EW; Neustadt-Neuschönefeld +598EW und damit auf Platz 3 und 4 hinter Plagwitz und Altlindenau (vgl. Stadt Leipzig 2014a: 226).

3Anteil an Erwachsenen bis 65 Jahre in Prozent (vgl. Stadt Leipzig 2015a: 5, 73 und 77).

4Migrant*innenanteil an Bevölkerung in Prozent (vgl. Stadt Leipzig 2014a: 234).

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